London, Heathrow, Business Lounge. Dr. Wiesner, Geschäftsführer der XY GmbH, zusammen mit Herrn Altscheffel vom Vertrieb und Frau Wack vom Marketing. Der Rückflug nach Stuttgart hat eine Stunde Verspätung.

Wiesner: (Blättert eine Tageszeitung um und faltet sie dann geräuschvoll zusammen) Digitalisierung! Digitalisierung! Man kann aufschlagen, was man will, immer geht es um Digitalisierung. Ich kann's echt nicht mehr hören.

Wack: Es ist DER Trend, nicht nur in der IT, sondern überhaupt … die Welt wird immer digitaler.

Wiesner: Aha, die Welt wird digitaler! Dass ich das noch erleben darf. Ich hab’ mal gelernt, dass 'digital' schön binär Null und Eins ist … was ist dann digital-er? Null, Eins und Eineinhalb? (muss furchtbar lachen) … der war gut, nicht wahr? (Wack und Altscheffel schauen sich befremdet an) Ich sag Ihnen mal was, Frau Wack: diese Digitalisierung braucht kein Mensch. Alles warme Luft. Morgen redet keiner mehr drüber.

Altscheffel: Ich fürchte, wir sind dann das einzige Unternehmen, das mit dem Übergang zur digitalen Ökonomie nichts zu tun hat.

Wack: (seufzt resigniert) Na, vielleicht haben wir dann bald gar nichts mehr zu tun.

Wiesner: Nichts zu tun? Na, Sie sind gut, Frau Wack, soll ich Ihnen mal erzählen, was ich alles auf dem Tisch hab? Wir bringen jetzt unsere gesamte Wertschöpfungskette auf Vordermann; wir haben über das Web direkten Kontakt zu Kunden und Lieferanten, und wenn uns zum Beispiel die Druck-Ventile ausgehen, dann poppt das bei Müller-Ventil auf und die Lieferung ist schon unterwegs, noch ehe einer Piep sagt! (Er hat sich nun in Fahrt geredet) Und in unseren Motoren sind jetzt Sensoren, die alles messen. Wenn es eine Störung gibt, vielleicht an einem Ventil, dann wissen wir das sofort, und Müller-Ventil auch. Der kann seine Spezifikationen überprüfen, und wir können das Teil gleich in die Produktion einschleusen – wenn's sein muss mit Losgröße Null, weil die Bauteile ihre eigenen Spezifikationen kennen – und dann … ja was glauben Sie denn, Frau Wack, dass wir den lieben langen Tag tun?

Wack: … ich wollte nur …

Wiesner: Und wo wir schon dabei sind: wir entwickeln daraus neue Geschäftsmodelle, weil uns demnächst auch Pumpen-Meier seine Betriebsdaten zur Verfügung stellt, seine Pumpen stehen ja draußen meist neben unseren Motoren. Damit können wir für Meier nun auch den Service übernehmen, wenn unser Techniker schon mal vor Ort ist. Das ist doch echt der Hammer, nicht wahr? Nichts zu tun? Verehrte Frau Wack, diese Sachen machen sich doch nicht von selbst, während die Geschäftsleitung frühstückt.

Altscheffel: Ja, aber das … das ist doch alles Digitalisierung.

Wiesner: (Schaut sich erschrocken um) Was? Wer? Wo?

Altscheffel: Was Sie jetzt erzählt haben. Mit den vernetzten Wertschöpfungsketten. Mit Müller-Ventile und Pumpen-Meier. Genau darum geht es bei Digitalisierung!

Wiesner: Sie nehmen mich auf den Arm … (Wendet sich an Frau Wack) Stimmt das, was er da sagt? Ist das … ?

Wack: Freilich.

Wiesner: (Zu Altscheffel) Warum sagen Sie das denn nicht gleich. 'Übergang zu digitalen Ökonomie' – so ein Blubber. Dabei ist das doch so einfach … aber … das heißt … dann mach ich ja längst … Digitalisierung! Das ist der Hammer, ich mach Digitalisierung!

Altscheffel: (zu Wack) … und ich sprech' jetzt Prosa.

Wiesner: (Sein Handy klingelt, er sucht in seinem Sakko danach) Entschuldigung, da muss ich drangehen … hallo? Ja, hier Wiesner! Wer? Birgitt, du? … Nein. Ich sitze noch in Heathrow … nein, ich kann keinen Bärlauch … das muss halt dann ohne … was? … eine Bärlauchsuppe? Nein, in Lon-don! Ja … England, Stadt mit fünf Buchstaben. Gut, bis dann. (Er drückt das Gespräch weg. Zu Wack und Altscheffel:) Haben Sie eine Idee, wo man in Heathrow Bärlauch kriegt?

Altscheffel: Lebensmitteleinkauf online ist übrigens auch Digitalisierung. Sie bestellen jetzt und wenn Sie ankommen, können Sie es im Stuttgarter Terminal abholen.

Wiesner: Echt? Bärlauch digital? Das ist ja … Binärlauch! Also, das ist der absolute Hammer.